a-/synchrones kooperatives Schreiben

Web 2.0 – Anwendungen, die a- & synchrones kooperatives Schreiben ermöglichen, gibt es einige. Dazu zählen z.B. Google Text und Tabellen, Wikis, mind42, prezi.

Allerdings bewegen uns verschiedene Fragen rund um das gesamte Thema kooperatives Schreiben:

  1. Ist Schreiben ein nicht viel zu individueller Prozess, als dass er mit anderen gemeinsam durchgeführt werden kann?
  2. Welche Vorteile können eigentlich nachweisbar diesem Modell von Schreibaufgaben zugewiesen werden?
  3. Was mache ich, wenn meine Schüler gar nicht an kooperativen Lernkontexten interessiert sind oder Schwierigkeiten haben, in diesem Lernkontext zu arbeiten?
  4. Woher nehme ich die Zeit, zusätzlich zum Präsenzunterricht nun auch noch Telelernphasen vorzubereiten und außerdem zu betreuen?

Auf diese und andere Fragen reagiert Nicola Würffel in ihrem Artikel „Kooperatives Schreiben im Fremdsprachenunterricht: Potentiale des Einsatzes von Social-Software-Anwendungen am Beispiel kooperativer Online-Editoren“:

Zu Frage 1.

wird dort darauf hingewiesen, dass es schon ein Problem damit gibt, klare Vorstellungen von den Faktoren zu haben, die kooperatives/kollaboratives Arbeiten fördern oder behindern können.

Zu Frage 2.

Damit verbunden werden die Vorteile kooperativen/kollaborativen Schreibens all zu oft nicht sichtbar durch mangelhafte Konzipierung der Aufgaben.

Laut Autorin erhofft man sich grundsätzlich folgende Vorteile:

a. der Schreibprozess kann durch kooperatives Schreiben für die Lerner „erträglicher“ gemacht werden, indem alle voneinander profitieren (Rechtschreibung, Grammatik, Wortschatz …)

b. Angst kann abgebaut werden, weil man nicht mehr allein für den Text verantwortlich ist

c. bessere Bewusstmachung der Schreibprozesse in gut funktionierenden kooperativen Gruppen (interaktives Organisieren, Planen, Formulieren).

d. Lernerinnen sind gleichzeitig Leserinnen und dadurch existiert ein sofortiges Feedback aus der Sicht eines Rezipienten, das Textverbesserungen ermöglicht.

Diese in Online-Editoren gesetzten Hoffnungen kontrastiert die Autorin mit konkreten Forschungsergebnissen und kommt zu dem Schluss, dass die Vorteile kooperativen Schreibens nicht zum Tragen kommen können, wenn sich die Lehrkräfte einzig und allein auf den Faktor eingesetztes Medium verlassen und andere wichtige Aspekte vernachlässigen. Dazu gehören:

i. Art der Aufgabenstellungen,

die oft der Typizität kooperativen Arbeitens nicht gerecht werden und darum diese Arbeitsform nicht ausreichend motivieren (vorgeschlagen werden solche Aufgabenstellungen, die „mehrperspektivisches Schreiben“ erfordern und somit die Mitarbeit aller erforderlich machen.

ii. Bewertungsstruktur,

die auf dem Spektrum Einzel- bis Gruppenbewertung diskutiert wird. Es wird in dem Artikel darauf hingewiesen, dass – obwohl die Bearbeitungen von gemeinsamen Online-Texten der Lehrkraft zugänglich sind – die Auswertung der einzelnen Beitragsfrequenz und -qualität sehr kompliziert und aufwendig ist.

iii. Mehraufwand durch Betreuung der Online-Phasen

Hier fand ich sehr interessant, dass die Autorin davon ausgeht, dass die Betreuung der Online-Phasen nicht als zusätzliche Arbeitszeit der Lehrkraft verbucht werden soll, sondern durch erhöhten Grad von Selbständigkeit der Lerner umstrukturiert werden muss.

iv. synchrone oder asynchrone Editoren

Die Autorin weist darauf hin, dass die individuellen Lernertypen berücksichtigt werden müssen und darum je nach Gruppe die Entscheidung für oder wider der einen oder anderen Anwendung von der Lehrkraft getroffen werden muss (z.B. asynchron bei unsichereren Lernerinnen)

v. institutionelle Kontexte

haben damit zu tun, dass unsere Lerner all zu oft erst lernen müssen, wie man gemeinsam an einem Endprodukt arbeitet, da sie durch die vorangegangenen Bildungsjahre auf individuellen Erfolg gedrillt sind

vi. Öffentlichkeit

Unter diesem Punkt fasst die Autorin Überlegungen zur Vermittlung von Medienkompetenz und dem Umgang mit privaten Informationen zusammen als auch die Möglichkeit, mit weniger oder mehr geschlossenen Anwendungen zu arbeiten. In diesem Zusammenhang spielt die (fehlende) Anonymität der Beiträge in geschlossenen Anwendungen eine Rolle hinsichtlich der Skrupel, Mitlerner zu korrigieren.

v. Autorenschaft

Hier nimmt die Autorin Bezug auf die allgemeine Einstellung der Lerner, dass man verantwortlich ist für das, was man selber schreibt. Sie empfiehlt, diese Hürde zu nehmen durch wiederholtes Eingreifen des Lehrers und Hinweisen darauf, dass alle gemeinsam für den Textentwurf verantwortlich zeichnen und darum auch gemeinsam schreiben, korrigieren und editieren.

vi. Rollen

Um beim anfänglichen kooperativen Schreiben zu verhindern, dass unser typischer Leader alles in die Hand nimmt und die anderen hübsch brav hinterlaufen, rät Nicola Würffel den Lernern Rollen zuzuweisen (z.B. Initiator, Restrukturierer, Korrektor, Organisator, Moderator, Editor in chief).

Am Ende des Artikels fasst Nicola Würffel zusammen, dass viel zu wenig präzise  Forschungsdaten dahingehend vorliegen, unter welchen konkreten Faktorbündeln die kooperativen Aktivitäten stattfinden, um allgemeine Aussagen zu Vor- und Nachteilen von kooperativem Schreiben mit online-Editoren zu formulieren. Sie richtet sich an alle „engagierten und mutigen Fremdsprachenforscherinnen“, um mehr Einsicht in diese Faktorenkomplexität zu bekommen.

Motiviert durch diese letzten Zeilen im hier vorgestellten Artikel schlage ich vor, dass wir gemeinsam im Etherpad: Diskussion / Erfahrungsaustausch zu diesem Thema debattieren und unsere Klassenräume öffnen zu allem, was kooperative / kollaborative online-Aktivitäten betrifft. Wer Lust hat, kann dort also bereits durchgeführte Unterrichtsprojekte und ihre Ergebnisse konkret vorstellen. Es muss dabei nicht ausschließlich von Schreibaktivitäten die Rede sein, sondern sollte vielmehr um kollaboratives Online-Arbeiten an sich gehen.

Na dann, viel Spaß beim Lesen des Artikels und heißem Debattieren.

Eure Rike

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